Impfstoffe & Sicherheit

Sachstand der SARS-CoV-2-Impfstoffentwicklung

Die Entwicklung – idealerweise mehrerer – wirksamer, sicherer und gut verträglicher Impfstoffe gegen das neue Coronavirus (SARS-CoV-2) ist weltweit eine große Hoffnung bei der Bekämpfung der aktuellen COVID-19-Pandemie. Der angestrebte Pandemie-Impfstoff könnte vor allem den Schutz von Risikopersonen für einen schweren Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion ermöglichen und idealerweise zur nachhaltigen Eindämmung des Virus beitragen.

Aktuell gibt es in Deutschland noch keinen zugelassenen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 und der dadurch ausgelösten Erkrankung COVID-19. Deshalb ist es besonders wichtig, dass insbesondere Standard-Impfungen gemäß Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) wahrgenommen werden, um das individuelle Erkrankungsrisiko zu verringern und so das Gesundheitssystem zu entlasten.

Weitere Informationen zur Durchführung von Schutzimpfungen während der COVID-19-Pandemie finden Sie hier.

Seit Entschlüsselung des Genoms sind innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl an verschiedenen Impfstoffprojekten gegen SARS-CoV-2 angelaufen. Aktuell gibt es weltweit über 190 Projekte für die Entwicklung von SARS-CoV-2-Impfstoffen mit einer guten internationalen Zusammenarbeit. Die meisten Projekte befinden sich derzeit allerdings noch in der präklinischen bzw. explorativen Entwicklungsphase.

Derzeit werden 44 Impfstoffkandidaten im Rahmen von klinischen Studien erstmals in Menschen an verschiedenen Studienorten weltweit erprobt (Stand: 19.10.2020). Im April 2020 genehmigte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die erste klinische Prüfung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 in Deutschland (BioNTech), im Juni 2020 folgte die Genehmigung für einen zweiten Kandidaten (Curevac). 

Zum jetzigen Zeitpunkt können noch keine verlässlichen Aussagen darüber getroffen werden, welches dieser Projekte am erfolgsversprechendsten ist oder wann es einen sicheren und wirksamen Impfstoff geben wird, der vor COVID-19 schützt. In Russland wurde im August 2020 der Impfstoffkandidat des Gamaleya-Instituts zugelassen. Meldungen aus Russland besagen, dass dort eine limitierte klinische Prüfung dieses Impfstoffkandidaten durchgeführt wurde (Phase 1/2) und die Ergebnisse der Zulassung zugrunde lagen. In einer Stellungnahme weist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) darauf hin, dass es auch in der aktuellen Pandemiesituation zwingend erforderlich ist, dass alle Prüfungen und Bewertungen mit der gleichen Sorgfalt erfolgen, wie bei anderen Impfstoffen, um einen sicheren und wirksamen SARS-CoV-2-Impfstoff zu erhalten. In Deutschland und der EU ist eine Zulassung erst nach der Vorlage ausreichender Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten, wie sie in Phase 3-Studien erhoben werden, üblich (siehe Stellungnahme des PEI vom 12.08.2020).

Wie jede Impfung wird es auch bei einer Impfung gegen SARS-CoV-2 nötig sein, Nutzen und Risiken abzuwägen. Diese Abwägung fällt möglicherweise für die einzelnen Impfstoffe unterschiedlich aus. Eine künftige Impfstrategie sollte zudem auch unter ethischen Aspekten bewertet werden (siehe dazu auch den aktuellen Policy Brief zum Thema Ethik beim Impfen des Kompetenznetz Public Health COVID-19).

Strategien der SARS-CoV-2-Impfstoffentwicklung

Der aktuellen Impfstoffentwicklung liegen unterschiedliche Plattformen zu Grunde. Alle Strategien basieren auf dem Prinzip, unserem Immunsystem Bestandteile (sog. Antigene) des Erregers zu präsentieren, sodass eine Immunität gegenüber SARS-CoV-2 aufgebaut werden kann.

Einerseits werden lang etablierte Technologien verwendet, für die es bereits zugelassene Impfstoffe gibt (abgeschwächte Lebendimpfstoffe; inaktivierte oder proteinbasierte Totimpfstoffe). Die meisten Strategien nutzen aktuell jedoch neuartige Technologien, für welche bisher noch kein (z.B. genbasierte DNA- oder RNA-Impfstoffe) oder nur wenige zugelassene Impfstoffe (zwei kürzlich zugelassene Impfstoffansätze gegen das Ebolavirus) zur Verfügung steht. Für diese gibt es noch keine oder kaum Erfahrungen, so dass aufwändigere Entwicklungsphasen notwendig sind.

In klinischen Studien muss untersucht werden bzw. wird aktuell geprüft, ob und in welcher Dosierung ein Impfstoffkandidat in Erwachsenen und Älteren ausreichend wirksam und sicher ist.

Impfstoffkandidaten gegen SARS-CoV-2, die sich aktuell in klinischer Prüfung befinden

(Vereinfachte Übersicht, kein Anspruch auf Vollständigkeit; Stand: 19.10.2020)

Laut Informationen der WHO befinden sich aktuell bereits zehn der Impfstoffkandidaten in Phase 3-Studien bzw. wurden diese genehmigt, jedoch noch nicht mit der Rekrutierung von Probanden begonnen.

Zeitlicher Rahmen der Impfstoffentwicklung

Die Entwicklung eines sicheren und wirksamen Impfstoffs ist ein aufwändiges und sehr komplexes Verfahren und dauert in der Regel über 10 Jahre. Neue Technologien und Erfahrungen mit Impfstoffen gegen ähnliche oder verwandte Viren (z.B. MERS-CoV) wirken sich jedoch positiv auf die Impfstoffentwicklung gegen SARS-CoV-2 aus und können die Dauer der Entwicklung verkürzen. Auch die Verwendung sog. Plattformtechnologien, für die es bereits ähnliche Impfstoffe gegen andere Infektionserreger gibt, kann die Entwicklung von SARS-CoV-2-Impfstoffen befördern und beschleunigen.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann man noch nicht sagen, wann es einen sicheren und wirksamen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 geben wird. Aufgrund des dringenden Handlungsbedarfs wird weltweit daran gearbeitet, so schnell wie möglich einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zu erhalten. Ziel der Europäischen Kommission (EU-Strategie für COVID-19 Impfstoffe) ist es, dass ein entsprechender Impfstoff innerhalb von 12 bis 18 Monaten zur Verfügung steht. Laut Einschätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) muss aktuell davon ausgegangen werden, dass es frühestens 2021 einen sicheren Impfstoff gegen SARS-CoV-2 in relevanten Mengen geben wird.

Ab welchem Zeitpunkt Impfungen gegen COVID-19 potenziell angeboten werden können, hängt zudem nicht nur von Entwicklung und geprüfter Zulassung ab, sondern auch davon, wie schnell ein Impfstoff in ausreichenden Mengen produziert werden kann. Einige Hersteller haben angekündigt, ihre Impfstoffe bereits großtechnisch zu produzieren, obwohl die klinischen Phasen noch nicht abgeschlossen sind und sie dabei ein hohes wirtschaftliches Risiko im Falle eines Scheiterns ihres Kandidaten während der klinischen Erprobung oder im Zulassungsverfahren eingehen (siehe Internetauftritt des vfa).

Sicherheit eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 im Fokus:

Nach geltendem Arzneimittelrecht erhält ein Impfstoff nur dann eine Zulassung, wenn seine pharmazeutische Qualität, Wirksamkeit und Verträglichkeit nachgewiesen sind. Den Nachweis darüber müssen die Hersteller in einem umfassenden Zulassungsverfahren in einer Reihe von vorklinischen Untersuchungen (z.B. tierexperimentellen Studien) und klinischen Prüfungen (erste Anwendung im Menschen) erbringen. In Deutschland werden die wissenschaftlichen Belege durch das PEI geprüft, auf EU-Ebene durch europäische Zulassungsbehörden inkl. des PEI unter Regie der Europäischen Arzneimittelagentur EMA.

Um möglichst schnell einen SARS-CoV-2-Impfstoff zu erhalten, werden die notwendigen Zulassungsverfahren frühzeitig vorbereitet, die notwendigen Studien teilweise parallel durchgeführt und die Dauer der einzelnen Studienphasen möglichst optimiert. Dabei prüft und bewertet das PEI in Deutschland die Impfstoffkandidaten jedoch weiterhin mit der notwendigen und gebotenen Sorgfalt. Die internationale Koalition der Arzneimittelbehörden (ICMRA) weist zudem daraufhin, dass Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit durch die Zulassungsbehörden weltweit auf einem hohen Niveau geprüft werden. So wird sichergestellt, dass der Nutzen einer Impfung die möglichen Risiken deutlich überwiegt (siehe Stellungnahme der ICMRA).

Das klinische Studienprogramm bis zur Zulassung:

  • Phase 1:   Vorsichtiges Abschätzen der Immunogenität und Verträglichkeit an einer
                     kleinen Studienpopulation von meist weniger als 100 gesunden Probanden;
                     bei den aktuell laufenden SARS-CoV-2-Studien sind es bis zu 200 Probanden
  • Phase 2:   Dosisfindung und (weiterhin) Abschätzen der Verträglichkeit an einer größeren
                     Anzahl von Probanden (mehrere Hundert)
  • Phase 3:   Nachweis der Wirksamkeit und Bestätigung der Immunogenität und Sicherheit
                     an einer größeren Anzahl von Probanden (mehrere Tausend bis mehrere
                     Zehntausend)

Ausführliche Informationen zur Zulassung und klinischer Prüfung neuer Impfstoffe finden Sie hier.

Pandemieplan/Potenzielles Impfkonzept:

Entsprechend den Ausführungen in den Nationalen Pandemieplänen sind Überlegungen zur möglichen Priorisierung von Gruppen – welche ein Angebot einer potenziellen SARS-CoV-2-Impfung vorrangig erhalten sollten – wichtig, da von einer anfänglich begrenzten Verfügbarkeit auszugehen ist. Wie bereits von politischer Seite mehrfach betont, sind dabei Impfempfehlungen auf der Basis von transparenter, fundierter Aufklärung und Freiwilligkeit geplant. In diesem Rahmen veröffentlichte die STIKO im August 2020 eine Stellungnahme zu zukünftigen COVID-19-Impfungen mit verschiedenen Aspekten, die bei der Erarbeitung eines Konzeptes zur Priorisierung berücksichtigt werden müssen.

Alternative und ergänzende Ansätze

Passive Immunisierung

Neben der bisher beschriebenen aktiven Immunisierung gibt es den Ansatz der passiven Impfung. Dabei werden z.B. aus dem Blutplasma von COVID-19-Erkrankten, die bereits wieder genesen sind, spezifische Antikörper gegen SARS-CoV-2 gewonnen. Dieses COVID-19-Immunplasma soll zur Behandlung schwer erkrankter Patienten verwendet werden. Dazu wurde u.a. eine klinische Studie (CAPSID-Studie) von der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) gestartet, um herauszufinden, ob und wie Antikörper gegen SARS-CoV-2 bei akut an COVID-19 erkrankten Patienten wirken. Im Mai 2020 genehmigte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) eine weitere Therapiestudie mit Rekonvaleszentenplasma (Phase 2-Studie RECOVER).

In einem weiteren Ansatz wird die Herstellung von monoklonalen Antikörpern gegen SARS-CoV-2 verfolgt. Zum Beispiel isolieren Wissenschaftler des Universitätsklinikums Erlangen Antikörper-produzierende B-Zellen aus dem Blut genesener COVID-19-Patienten oder auch aus genveränderten Mäusen, die mit SARS-CoV-2 infiziert wurden. Anschließend werden mit Hilfe der B-Zellen monoklonale Antikörper hergestellt, die auf ihre Wirkung gegen SARS-CoV-2 (neutralisierende Aktivität) untersucht werden. Weltweit laufen derzeit bereits mindestens zwei Phase 3-Studien zu Projekten mit monoklonalen Antikörpern.

Insbesondere in der Zeit bis ein aktiver Impfstoff zur Verfügung steht, könnte eine passive Impfung mit Antikörpern eine sehr gute Option für die therapeutische und ggf. präventive Behandlung bestimmter Risikogruppen darstellen.

Quellen: u.a. (Presse-)Meldungen des PEI (CAPSID, RECOVER), der DGTI und des Universitätsklinikums Erlangen

Bystander-Impfstoffe

Zusätzlich zur Neuentwicklung eines spezifischen SARS-CoV-2-Impfstoffs gibt es Bestrebungen zur Testung von bereits vorhandenen Impfstoffen – wie z.B. dem oralen Impfstoff gegen Poliomyelitis (OPV) oder der Bacille Calmette-Guérin (BCG)-Impfung gegen Tuberkulose. Die Idee dabei ist, dass diese Impfstoffe die allgemeine Immunantwort verstärken oder ggf. bestimmte Immunzellen so modifizieren, dass sie bei der Bekämpfung von SARS-CoV-2 helfen.

Bisher gibt es allerdings für die Annahme, dass diese Lebendimpfungen Schutz vor einer SARS-CoV-2-Infektion bieten bzw. zumindest einen schweren Erkrankungsverlauf abmildern können, noch keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz.

Quelle: RKI – COVID-19 und Impfen: FAQs

Weitere Informationen zum Stand der Forschung zur Impfstoffentwicklung gegen SARS-CoV-2

(Auswahl)

 

* Hinweis: die NaLI ist ein industrieunabhängiges Gremium; die Verlinkung zum Verband deutscher Pharmaunternehmen (vfa) dient lediglich der Übersicht über den aktuellen Stand und stellt keinerlei Werbung für darin aufgeführte Unternehmen dar.

Letzte Aktualisierung: 20.10.2020

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